Winckelmann-Ehrung

Eindrücke vom Besuch der Winckelmann-Ehrung in Bannewitz

Am 23. September führte mich die Neugierde in Begleitung meiner Frau nach Bannewitz, genauer gesagt in das Schloss Nöthnitz. Von eigener wissenschaftlicher Arbeit zu Johann Joachim Wickelmann, dem Begründer der wissenschaftlichen Archäologie, der modernen Kunstgeschichte und des deutschen Klassizismus, angeregt, hegte ich schon lange den Wunsch, seine ehemalige Wirkungsstätte einmal kennenzulernen. Die von der Musik-, Tanz- und Kunstschule Bannewitz an diesem Tage initiierte Ehrung anlässlich des 300. Geburtstages Winckelmanns war uns deshalb sehr willkommen, zumal mit einer spannend klingenden „Musikalisch-szenischen Zeitreise“ im Festsaal des Schlosses geworben wurde. Sechs Jahre weilte Winckelmann als Bibliothekar des Grafen von Bünau in Nöthnitz, eine Zeit, in welcher ihm die Gelehrten Dresdens begegneten, wo aber auch der päpstliche Nuntius in Sachsen auf ihn aufmerksam wurde. Als jener ihm eine Anstellung in Rom anbot, begründete sich in Nöthnitz Winckelmanns Weltruhm als bedeutendster Kunsthistoriker des 18. Jahrhunderts.

Der Tag begann im Bannewitzer Bürgerhaus mit einem Vortrag von Dr. Rainer Grund, des Direktors des Münzkabinetts an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Das Bürgerhaus bot auch die Möglichkeit, der neu eingerichteten Winckelmannstube einen Besuch abzustatten. Keine geringere als Bettina Freifrau von Finck, die Schwiegertochter des ehemaligen Schlossbesitzers, führte uns durch die kleine Ausstellung und erzählte vom Schicksal des Schlosses. Seit 1871 ist Schloss Nöthnitz im Besitz derer von Finck, welche sich damals verpflichtet fühlten, das rege Geistesleben des Grafen Bünau und Winckelmanns fortzusetzen. Viktor Freiherr von Finck musste 1945 zwar die Enteignung hinnehmen, doch er war es auch, welcher hochbetagt 1991 in das Schloss zurückkehrte und noch einmal kulturelles Leben im Geiste vergangener Tage entflammen ließ. Der Festsaal wurde prächtig restauriert, es gab erlesene Konzerte, ein Museum und eine Forschungsbibliothek. Mit der Studienstätte Schloss Nöthnitz entstand ein lebendiges Kulturzentrum, welches sich einen Namen in der Dresdner Kulturszene machte, erzählte Frau von Finck. Leider nahm diese Zeit ein jähes Ende, als ihr Schwiegervater 2010 das Schloss verkaufte und bald auch starb. Kulturelle Veranstaltungen in und am Schloss Nöthnitz wurden seither zur Ausnahme.

Dank der Musik-, Tanz- und Kunstschule Bannewitz und der freundlichen Kooperation des ausländischen Schlossbesitzers sollte anlässlich der Winckelmannehrung am 23. September Schloss Nöthnitz einen kulturellen Paukenschlag der Extraklasse erleben. Die „Musikalisch-szenische Zeitreise“ in das Jahrhundert Winckelmanns, zweimal aufgeführt und restlos ausverkauft, war ein in dieser Art nicht erwarteter Kunst- und Kulturgenuss. Auserlesene Musikstücke des 18. Jahrhunderts und der prachtvoller Festsaal, welcher noch immer den Geist des Grafen von Bünau atmet, versetzten den Besucher in vergangene Zeiten. Weltberühmte Künstler wie Yossi Arnheim, Erster Soloflötist des Israel Philharmonic Orchestras, und Prof. Sabine Klinkert von der Dresdner Hochschule für Musik (Cembalo und Flügel), außerdem Christiane Seidel (Querflöte) und Sebastian Dolata (Violine), das Ganze umrahmt von schönen Arien und einer köstlich amüsanten Moderation durch die bezaubernde Mezzosopranistin Kerstin Doelle im historischen Kleid, boten ein Freudenfest der Sinne.

Doch damit nicht genug. Nach kurzem Kulinarium folgte als Krönung eine als regelrechtes Schauspiel dargebotene szenische Nachstellung des Gemäldes „Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek“ des Dresdner Historienmalers Theobald Reinhold von Oër aus dem Jahre 1874. Auch wenn sich die dargestellten Personen in dieser Runde nie begegnet sind, inszenierten Bürger von Bannewitz in hervorragenden und bis ins kleinste Detail nachgestellten Kostümen ein interessantes fiktives Wortgefecht zwischen Befürwortern und Widersachern Winckelmanns, nach überlieferten Originalzitaten, angereichert durch galant gesetzte Kulturspitzen auf die Gegenwart. So wie der Maler die Gelehrtenrunde einst in die Nöthnitzer Bibliothek verpflanzte, erlebten die Besucher den Disput nun an authentischer Stätte Winckelmanns. Für mich war es zudem eine Freude, „alten Bekannte“ meiner Arbeiten zu begegnen, so den bedeutenden Bibliothekar Francke, den Kunstagenten Graf von Algarotti, den Publizisten Rabener, Gotthold Ephraim Lessing, die Maler Oeser, Dietrich und den berühmten Canaletto, die Dresdner Kunsthistoriker Hagedorn und Lippert, Prof. Heine aus Göttingen, den päpstlichen Gesandten Kardinal Graf Archinto, den Schlossbesitzer Graf von Bünau und natürlich Johann Joachim Winckelmann persönlich. Umrahmt und versorgt wurden wir von Schokoladenmädchen in Kostümen des berühmten Dresdner Gemäldes, übrigens eine Erwerbung des anwesenden von Algarotti, und schließlich kam auch Historienmaler Oër zu Wort. Bravo! und Danke – Hochachtung den Akteuren, Hochachtung der Initiatorin Irmela Werner sowie der Text- und künstlerischen Regie. Zweieinhalb Stunden vergingen wie im Fluge, es hätte gern noch länger wären können. Für die besondere Atmosphäre der Veranstaltung sorgten neben der wunderbaren Kulisse jedoch die Musiker und Akteure selbst, indem sie sichtlich spürbar nicht allein zum Genusse der Besucher, sondern auch zur eigenen Freude spielten, ein Umstand, welcher an professionellen Bühnen, auch in Dresden, nicht die Regel ist. Es bleibt die Hoffnung, dass Eigentümer und Kulturpolitiker auch künftighin die Pforten des Schlosses für solche Veranstaltungen der Spitzenklasse öffnen. Mit unvergesslichen Eindrücken haben wir das Schloss über den Treppenturm mit den Delfter Fliesen, dem einstigen Arbeitsweg Winckelmanns verlassen – gerne möchten wir wiederkommen.

Autor: Lars-Gunter Schier aus Seifhennersdorf

(Quelle: www.musik-tanz-kunstschule.de – 24.9.2017)